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Jede Zeit und Epoche wird geprägt durch Designer, die mit ihrer Arbeit neue Maßstäbe setzen und Trends definieren. Die 90er Jahre kann man sicherlich als die Zeit der experimentellen Typografie und Grafikdesigns bezeichnen. Aus meiner Sicht wurden die Arbeiten und das Design durch den Einzug des Mac von Apple in die Branche maßgeblich beeinflusst. Der Computer veränderte die Arbeitsweise einer Branche komplett. Die extreme Freiheit und die Möglichkeiten bei der Gestaltung nutzten viele Designer dafür aus, neue Wege zu gehen und experimentelle Arbeiten zu gestalten.
Die 90er wurden dabei von zwei Designern extrem geprägt und beeinflusst. Der Begriff des experimentellen Designs wird immer mit den Designern David Carson und Neville Brody in Verbindung gebracht. Dabei unterscheidet sich die Arbeit beider Designer doch extrem. Jeder hatte seinen eigenen Style entwickelt, der in die jeweiligen Arbeiten einfloss.

David Carson

Der in Texas geborene David Carson gehörte schon als Vierzehnjähriger zu den acht weltbesten Surfern. Seine Herkunft, Haltung und das Lebensgefühl eines Surfers prägen seine Arbeit bis heute. Für Carson gibt es eine enge Verbindung zwischen Surfen und dem Design. Beides hat mit Freiheit und persönlichem Ausdruck zu tun. Mit der Lust auf Experimente. Carson studierte in San Diego Soziologie und kam im Alter von 26 Jahren über einen zweiwöchigen Workshop zum ersten Mal mit Grafikdesign in Berührung. Für ihn war es eine Berufung und Fügung. Im Anschluss begann er ein Studium, welches er jedoch nicht abschloss. David Carson schaffte seinen Durchbruch 1998 als Art Director bei dem Surfmagazin „Beach Culture“ und der Musikzeitschrift „Ray Gun“. In nur zwei Jahren räumte Carson mit seinem Design mehr als 150 Designpreise ab.

Carson missachtete bei seiner Gestaltung jegliche typografische und gestalterische Regeln und Lesegewohnheiten. Zeilenabstände und Schriftgrößen wurden nach Belieben eingesetzt. Sein Umgang mit Schriften war extrem experimentell. Er veränderte und modifizierte bei seiner Arbeit die Schriften und schuf dadurch komplett neue Schnitte. Buchstaben wurden einfach gespiegelt oder auf den Kopf gestellt. Viele Ergebnisse seiner Arbeit bezeichnete er als Unfälle mit dem Layoutprogramm, die teilweise auch ungewollt und zufällig entstanden sind. Seine visuelle Orientierung, wie David Carson selbst sagte, sei eine andere als bei vielen anderen Menschen. Der Fokus seiner Arbeit lag somit auf Ausschnitten oder Details.

David Carson hatte den Mut sein experimentelles Design zu wahren und stieß dabei auch auf viel Kritik. Er lehrte und motivierte in vielen Vorträgen den Mut zum experimentellen Design. Lesbarkeit wird überbewertet, sagte David Carson. Den Leser für das Design und das Gesamtbild zu motivieren, war David Carson weitaus wichtiger, als für die Lesbarkeit. David Carson erhielt reihenweise Auszeichnungen und Preise für seine Arbeiten, die teilweise näher zur Kunst waren als zum Grafikdesign. Sein Ruhm verschaffte ihm große Kunden wie Nike, Pepsi oder auch Levi Strauss & Co.

Neville Brody

Neville Brody studierte von 1977 bis 1980 Grafikdesign am London College of Printing. Er begann seine Karriere Anfang der 80er Jahre als Art Director und arbeitete von 1981 bis 1986 als eben solcher bei der Zeitschrift „The Face“ sowie im Anschluss dann bei diversen Magazinen aus der Independent- und Musikszene. In seiner unverwechselbaren Designsprache vermischte Neville Brody dekorative Elemente mit geometrischen Formen, Symbolen und plakativen Schriften. 

Sein Umgang mit Typografie prägte die Zeit und seine Arbeiten. Anfang der 90er Jahre gestaltete Neville Brody das Erscheinungsbild des Fernsehsenders „ORF“ und des Privatsender „Premiere“. 
Seine letzten populären Aufträge waren 2016 die Entwicklung einer Hausschrift für Samsung und 2017 die Entwicklung einer eigenen Hausschrift für Coca-Cola.

Neville Brody gründete 1990 gemeinsam mit Erik und Joan Spiekermann die unabhängige Typefoundry FontShop International (FSI). In dieser Zeit entstand das Typografie-Magazin FUSE für die Neville Brody bis 2000 für 18 Ausgaben das Design entwickelte. Aus diesem Typografie-Magazin entstand die gleichnamige Typografie-Konferenz, die ab 1996 zur TYPO Berlin umbenannt und zu der europäischen Designkonferenz wurde.

Das Design von Neville Brody unterlag einem eigenständigen Stil. Die Mischung aus Design, Typografie und einer Art Icon-Sprache verschafften Brody große Anerkennung und Auszeichnungen. In dieser Zeit entwickelte Neville Brody unterschiedlichste Schriften, wie zum Beispiel die FF Blur (1991), FF Typeface (1991), FF Pop (1992), FF Gothic (1992), FF Tyson (1993), FF Dome (1993), FF Tokyo oder auch die FF Dirty (1994) die alle unter dem Typefoundry FontShop International vertrieben wurden.

Ich hatte 1998 die Gelegenheit bei beiden Designern auf der 3. FontShop Konferenz in Berlin einen Vortrag zu besuchen. David Carson als auch Neville Brody schafften es, das Publikum durch ihre Arbeiten in den Bann zu ziehen. David Carson war damals eine Art Pop-Star der Design-Szene. Zwei Menschen, deren Design Trends ausgelöst und gesetzt haben. Heute, über 20 Jahre später, empfinde ich die Arbeiten von Neville Brody in einer Form immer noch State of the Art, was für sein Design spricht.

Der Umgang mit Schriften ist in den letzten Jahren freizügiger geworden, vor allem bei Unternehmen, die eine jüngere Zielgruppe ansprechen. Die jüngere Generation wächst mit einem komplett anderen Wertgefühl in Bezug auf Marken auf. Für sie muss eine Marke eine gewisse Coolness haben. Studien belegen, dass bei der jüngeren Zielgruppe ein Markenauftritt als uncool empfunden wird, sofern er seine Zielgruppe nicht anspricht. 

Es bleibt abzuwarten, ob sich dieser Trend auch in anderen Branchen durchsetzt und ob der Umgang bei der Wahl einer Schrift auch bei den Claims freizügiger wird. Die Typografie und die Gestaltung bieten genügend Freiraum hierfür und würden ihn vielleicht auch vertragen.

Der AutorThomas Seruset
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Im Herzen Süddeutsch. Im Handeln Weltoffen
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